Skaten ist für mich eine Lebenseinstellung.”

Skateboards, Rampen, Straßenkanten – für manche nur ein Freizeitspaß, für andere der Einstieg in eine ganze Kultur. In Potsdam gehört Josh längst zu den Gesichtern der Szene. Wer im Lindenpark unterwegs ist, kennt ihn. Hier hat er seine Kindheit verbracht, hier hat er Skaten als Lebensgefühl entdeckt und hier hat er angefangen, die Community mitzugestalten.

Mit seiner Bretterbude Potsdam hat Josh etwas geschaffen, das mehr ist als ein Shop: ein Projekt, das Boards, Workshops, Contests und vor allem Menschen zusammenbringt. Für ihn ist Skaten mehr als ein Sport – es ist Freiheit, Familie, ein Ventil, das Perspektiven eröffnet. Und das gibt er heute weiter an Kinder, Jugendliche und alle, die neugierig sind, ein Board unter die Füße zu schnallen.

Wir haben mit Josh über seine ersten Fahrten, prägende Momente, die Besonderheiten der Potsdamer Szene und seine Wünsche für die Zukunft gesprochen – und schnell wird klar: Hier geht es nicht nur um Tricks und Asphalt, sondern um ein Lebensgefühl, das eine ganze Stadt bewegt.

Born to Skate – Hinfallen, Aufstehen, Weitermachen

Josh, wie bist du eigentlich zum Skaten gekommen – erinnerst du dich noch an dein allererstes Skateboard?

Absolut. Mein erstes Skateboard habe ich mit fünf Jahren von meinem Onkel zu Ostern geschenkt bekommen. Aber ganz ehrlich: Benutzt habe ich es jahrelang nicht. Es stand einfach oben auf dem Schrank. Erst 2007 kam der Wendepunkt – und das völlig zufällig. Mein Vater hatte Geburtstag, ich sollte Kuchen und Blumen holen. In der einen Hand Kuchen, in der anderen Blumen – Fahrradfahren unmöglich, zu Fuß hätte ich es zeitlich nicht geschafft. Und dann fiel mir ein: Da war doch noch dieses Brett. Ich bin also zur Schule geskatet, später wieder zurück – und der Kuchen kam heil zu Hause an. Ab da war es um mich geschehen. Seitdem stand ich fast jeden Tag auf dem Board – und das nun seit über 15 Jahren.

Und von Anfang an war der Lindenpark dein Spot?

Ja, das war sofort mein Zuhause. Ich kenne den Park seit meiner Kindheit und habe hier praktisch alles gelernt. Der Sozialarbeiter Tinko kennt mich noch aus Grundschulzeiten. Später bin ich für ein paar Jahre nach Leipzig gezogen, aber der Lindenpark hat schon echt gefehlt. Hier sind meine Leute, hier ist meine Community – deshalb bin ich zurückgekommen.

Was hat dich in deiner Kindheit geprägt – gab es Vorbilder oder Orte?

Josh: Definitiv das Skateboarden selbst. Meine Kindheit war nicht immer einfach. Skaten war mein Ventil. Ich konnte rausgehen, machen, was ich wollte – ohne oder zumindest mit wenig Regeln, ohne Druck. Das Board war mein Rückzugsort und gleichzeitig meine Freiheit.

Natürlich gab es auch Vorbilder: Skater wie Nyjah Huston mit seinen krassen Dreadlocks, der sich schon als Teenager über 20 Stufen-Treppen geworfen hat. Aber am meisten geprägt hat mich die Community hier im Park.

Es klingt so, als wäre Skaten für dich viel mehr als ein Hobby.

Josh: Das ist es. Skaten ist für mich eine Lebenseinstellung. Es geht nicht nur ums Fahren, es geht um Freundschaften, um dieses Gefühl von Freiheit. Man teilt so viel Zeit, lacht zusammen, unterstützt sich gegenseitig – auf und neben dem Board.

Wie bist du dann von deiner Leidenschaft zum eigenen Projekt, der Bretterbude, gekommen?

Das war eine Mischung aus Zufall und Notwendigkeit. Als ich nach Potsdam zurückkam, war ich erstmal arbeitslos. Ich wollte was Eigenes machen – am besten natürlich mit Skaten. Also habe ich zehn rohe Decks gekauft, Eddings dazu, die Boards selbst bemalt und an Freunde verkauft.

Also kam es auch aus einem persönlichen Interesse?

Ich hatte keine Lust, 60 Euro für ein Board auszugeben, von dem ich wusste, dass es im Einkauf vielleicht 30 kostet. Da hab ich mir gedacht: Ein Bild kann ich mir auch selbst drauf zaubern.

Und dann ist auch noch persönlich.

Genau. Das kam gut an, es folgten erste Anfragen für spezielle Motive. Parallel ist Tinko, der Sozialarbeiter im Lindenpark, länger ausgefallen. Da stellte sich die Frage: Wer organisiert jetzt die Contests? Ohne Firma keine Sponsoren, also habe ich die Bretterbude gegründet.

Das heißt, die Bretterbude ist aus der Szene für die Szene entstanden?

Genau. Erst waren es Boards und Contests, inzwischen liegt der Fokus stärker auf Workshops. Ich habe gemerkt: Mir macht es viel mehr Spaß, direkt mit Kids oder Erwachsenen zu arbeiten, als nur Bestellungen zu verpacken. Klar, Shop läuft nebenbei, aber in Kursen bewegt sich wirklich was. Da sehe ich Menschen wachsen – und das ist unbezahlbar..

Du machst das alles komplett alleine?

Ja, die Workshops stemme ich alleine. Nur beim Versand oder wenn mal jemand spontan was abholt, unterstützt mich meine Frau.

Was bedeutet dir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Mir geht’s nicht darum, dass sie schnell Tricks lernen. Mir ist wichtig, dass sie eine Perspektive bekommen. Manche haben zu Hause schwierige Bedingungen. Im Skatepark erleben sie eine offene Community. Das Board ist dabei oft nur der Türöffner. Ich locke sie lieber in den Park mit einem Skatekurs, als dass sie allein zu Hause hängen.

Gibt es Momente, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ganz viele. Besonders, wenn Kids anfangs Angst haben, immer wieder hinfallen und kurz vorm Aufgeben sind – und dann doch die Rampe schaffen. Dieses Lächeln danach, dieses Strahlen: Ich hab’s geschafft! – das ist das beste Gefühl überhaupt.

Welche „Life Skills“ kann man vom Skaten mitnehmen?

Ganz klar: Hinfallen und wieder aufstehen. Resilienz pur. Außerdem soziale Kompetenzen. Im Park gibt es ungeschriebene Regeln – Vordrängeln geht nicht, man passt aufeinander auf. Man lernt, Rücksicht zu nehmen und trotzdem seinen eigenen Weg zu gehen. Und dann gibt’s noch den „Skaterblick“: Man sieht die Stadt anders. Eine Treppe ist nicht nur eine Treppe, sondern eine Challenge. Alles wird zur kreativen Spielfläche.

Wie würdest du die Potsdamer Skater-Szene beschreiben?

Sie ist speziell – und das meine ich positiv. Familiär, loyal, aber auch ein bisschen eigen. Wir haben super erfolgreiche Skater aus Potsdam, europaweit bekannte Fahrer. Gleichzeitig sind viele hier nicht auf Konsum aus: Boards werden so lange gefahren, bis sie auseinanderfallen. Am E-Park gibt es zum Beispiel eine Metallbox, in der Grill, Werkzeug, Ersatzdecks, Boards, ein Erste-Hilfe-Set und sogar Besen liegen. Damit nichts verschwindet, ist sie mit einem Zahlenschloss gesichert. Der Code wird nur innerhalb einer engen WhatsApp-Gruppe geteilt – ein Symbol für das Vertrauen und den besonderen Zusammenhalt in der Szene.

Welche Spots sind in Potsdam wichtig?

Der Lindenpark ist das Herz. Der E-Park ist immer voll, da trifft sich alles, von Scooter über BMX bis Skateboards. Der Bassinplatz ist wichtig, weil er zentral ist. Und dann gibt’s legendäre Street-Spots: die Havelbucht, die Schräge am alten Hotel Merkur. Manche davon sind international bekannt, Skater aus den USA oder Europa sind extra dafür nach Potsdam gekommen. Leider sind auch einige Spots verloren gegangen, wie die alte Fachhochschule, sie stand am Alten Markt neben der Nikolaikirche, wo sich heute unter anderem das Kreativquartier befindet – das war ein weltbekannter Ort.

Was wünschst du dir von der Stadt?

Mehr Flächen für Rollsport – für alle: Skateboards, Scooter, BMX, Inliner. Der E-Park ist ständig überfüllt, der Lindenpark braucht dringend eine Sanierung. Der neue Pumptrack ist cool, aber auch dauernd voll – wir bräuchten zwei, drei weitere. Diese Orte sind so wichtig, auch als Prävention. Jede Stunde im Park ist eine Stunde weniger Langeweile – und das bewahrt viele Kids davor, in schwierige Bahnen zu rutschen.

Wo siehst du die Bretterbude in der Zukunft?

Mein Traum wäre ein physischer Shop am Lindenpark. Ein Ort zum Boards kaufen, aber auch zum Kaffee trinken, quatschen, chillen. Vormittags würde ich Workshops an Schulen anbieten, nachmittags wäre der Shop Treffpunkt. Außerdem habe ich den Plan für einen mobilen Anhänger mit Rampen, um Workshops überall anbieten zu können – in Schulen, Kitas, bei Stadtfesten. Und langfristig: eine Skatehalle in Potsdam. Es gab mal eine, die wurde abgerissen. Seit 20 Jahren suchen wir. Das wäre für mich ein riesiger Wunsch.

Wenn du mal nicht auf dem Board stehst – was machst du dann?

Ich bin gerade Vater geworden – das ist natürlich mein größter Fokus. Dazu kommt mein Hund, der leider manchmal zu kurz kommt, aber für lange Spaziergänge bin ich immer zu haben. Und dann habe ich noch meinen Balkon, der so groß ist, dass er fast ein Garten ist. Da verbringe ich täglich Zeit, meistens mit Gießen oder einfach zum Runterkommen.

Lieblingsorte in Potsdam – außer Skatepark und Balkon?

Definitiv die Insel Hermannswerder. Viel Natur, Wasser, Ruhe. Das ist mein Spot zum Abschalten.

Und dein Lebensmotto?

(lacht, zeigt sein Tattoo) Steht hier: „Born to skate.“

Instagram: @bretterbude_potsdam

Website:.bretterbude-potsdam.de/